Pause. Neuausrichtung. Und die alte Schublade.
- Anja Noir

- 21. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Es gab eine Zeit, da war ich einfach nur im Tun: Termine, Reisen, Behandlungen, Organisation und dazwischen dieses stille Wissen, dass etwas in mir nach Neuordnung ruft. Nicht, weil ich „aufgeben“ will. Sondern weil ich nach vielen Jahren Erfahrung gelernt habe: Wer lange professionell arbeitet, muss sich manchmal bewusst herausnehmen, um wieder sauber einzujustieren.
Diese Pause war keine Flucht. Sie war eine Ausrichtung.
Ich lebe heute in Ungarn, gemeinsam mit meiner Liebe und unserer kleinen Mops-Dame Joy. Und ja: Mein Beruf findet weiterhin auch in Österreich statt, weil ich dort seit vielen Jahren Kunden habe, die wissen, wofür ich stehe: für Qualität, Diskretion, klare Grenzen, Professionalität und für Berührung als ernstzunehmende Kunst.
Und trotzdem passiert es immer wieder.
Wenn Menschen urteilen, ohne hinzusehen

Was mich am meisten erschreckt, ist nicht Kritik. Kritik kann man prüfen, einordnen, sogar nutzen. Was mich erschreckt, ist diese besondere Form von Urteil, die gar nicht wissen will, wer ich bin und wie ich arbeite, sondern mich sofort in ein fertiges Bild presst.
Als wäre Tantra ein Codewort. Als wäre meine Arbeit automatisch etwas „Dunkles“. Als müsste man über mich nicht sprechen, sondern über eine Vorstellung von mir.
Ich mache diese Arbeit seit Jahrzehnten. Ich habe langjährige Stammkundschaft, beste Rückmeldungen, gewachsene Reputation – besonders in Oberösterreich. Ich habe mir meinen Weg nicht „zusammengebastelt“. Ich habe ihn aufgebaut. Mit Können, Verantwortung und dem Mut, sichtbar zu sein.
Das Studio, das fast meines war
In den letzten Monaten habe ich intensiv nach einem Studio gesucht. Nicht nach einem „Zimmer“, nicht nach einem Provisorium, sondern nach einem Ort, der Größe, Struktur und Entwicklung zulässt.
Fast 100 m². Drei Behandlungsräume. Ein Setting, das nicht nur „heute“ funktioniert, sondern auch „morgen“ tragen kann.
Der Eigentümer: anfangs freundlich, zugewandt, selbst Unternehmer – jemand, bei dem ich dachte: Endlich. Ein Mensch, der Business versteht.
Und dann, kurz vor der Unterschrift, kam plötzlich ein Satz, der in mir alles zusammenzog:
Ein Punkt im Vertrag – sinngemäß: Sollten weitere Damen in meinem Studio arbeiten, entstünde ein „Interessenskonflikt“.
Interessenskonflikt?
Dieser Begriff ist so sauber, dass er harmlos klingt. Aber in Wahrheit ist er oft nur ein eleganter Mantel für etwas anderes: Misstrauen. Vorurteil. Schublade.Nicht bezogen auf konkrete Abläufe, nicht auf rechtliche Fakten, nicht auf ein tatsächliches Risiko, sondern auf eine Idee davon, was Tantra angeblich ist.
Und genau hier wird es unerquicklich: Ich miete keine 100 m², um sie alleine zu bespielen. Das ergibt wirtschaftlich keinen Sinn, so wie es in jedem anderen Körperarbeits-Business selbstverständlich wäre, dass in mehreren Räumen mehrere Menschen arbeiten können. Wenn ich Heilmassagen anbieten würde, würde niemand bei „angestellten Therapeutinnen“ auf die Idee kommen, daraus einen Makel zu konstruieren.
Aber bei Tantra und erst recht bei erotischer Körperarbeit, reicht oft schon die Möglichkeit, dass Frauen dort arbeiten könnten, und plötzlich wird das ganze Projekt zu einem moralischen Minenfeld.
Was solche Momente wirklich machen
Sie nehmen dir nicht nur eine Location. Sie nehmen dir Energie. Zeit. Planungssicherheit. Und sie bringen dich wieder an denselben Punkt, an dem viele von uns seit Jahren stehen:
Du kannst hochprofessionell sein, sauber arbeiten, klar abgrenzen und trotzdem wirst du behandelt, als müsstest du dich ständig rechtfertigen.
Und dann kommt die nächste Ironie, die ich kaum noch ertrage: Wenn öffentliche Debatten oder politische Einordnungen Tantra pauschal in eine Ecke stellen, erzeugen sie genau die Realität, die sie angeblich „bekämpfen“ wollen. Sie machen seriöse, ausgebildete, verantwortungsvolle Arbeit schwerer und drängen Menschen, die Qualität liefern, in Strukturen zurück, die sie gar nicht wollen.
Nicht, weil wir „nicht anders können“. Sondern weil uns Räume, Verträge und faire Rahmenbedingungen verwehrt werden.
Meine Konsequenz: Klarheit statt Krümmung
Ich habe lange genug gearbeitet, um zu wissen, was ich kann und was ich nicht mehr bereit bin zu schlucken.
Meine Neuausrichtung bedeutet nicht, leiser zu werden. Sie bedeutet, klarer zu werden.
Klar in meinen Standards.
Klar in meinen Grenzen.
Klar in der Art, wie ich meine Arbeit beschreibe: als professionelle, diskrete, verantwortungsvolle Körperarbeit, ohne falsche Versprechen und ohne billige Klischees.
Und ja: Es bedeutet auch, dass ich vorerst wieder mit bestehenden Studio-Strukturen arbeiten werde – im Raum Linz – weil ich dort arbeiten kann, ohne dass ein Mietvertrag plötzlich zur Gesinnungsprüfung wird.
Das ist nicht die Version, die ich mir gewünscht habe. Aber es ist eine Version, die mir erlaubt, weiterzugehen, statt mich innerlich klein zu machen.
Ein Satz an die, die urteilen
Wenn Sie meinen Beruf kritisieren wollen: tun Sie es gern – aber bitte nach einem ehrlichen Blick. Nicht nach Gerüchten. Nicht nach Projektionen. Nicht nach einem Etikett.
Menschen sind komplex. Berührung ist komplex. Und professionelle Nähe ist etwas, das man lernen, führen und verantworten kann – oder eben nicht.
Ich weiß, was ich tue. Und ich weiß, wofür ich stehe.



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