Ein Mann, ein Unfall, ein Moment voller Leben
- Ella

- 18. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Berührung beginnt lange bevor Hände sich berühren.
Manchmal öffnet sich ein Mensch in einem Moment, der scheinbar nichts Besonderes ist und genau dann entsteht das, was wir alle so dringend brauchen: echte Verbindung.
Vergangene Woche kam ein junger Mann zu mir, nennen wir ihn Mister X. Vielleicht 26 Jahre alt, sportlich, freundlich, mit einem dieser Blicke, die mehr sagen als Worte. Er hatte über mein Buchungsformular geschrieben, offen, fast schon direkt: Er hatte im vergangenen November einen schweren Motorradunfall. Sein linker Arm musste amputiert werden. Doch er spürte in sich den Wunsch, wieder Berührung zu erfahren – echte, ehrliche, menschliche Berührung.
Schon unser Vorgespräch war besonders. Da saß er vor mir, und was ich spürte, war nicht das übliche vorsichtige Abtasten, sondern Vertrauen. Er sagte: „Du bist die Erste, der ich wirklich erzähle, wie das damals für mich war.“
Er sprach von der Sekunde, in der sein Leben in der Leitplanke hängen blieb. Von dem Moment, als er aufwachte, nicht wusste, wo er war – und erst langsam begriff, was geschehen war. Der andere Motorradfahrer, die Entscheidung in Sekunden, entweder frontal ins Auto oder links in die Planke… Er hat es überlebt. Aber einen Teil von ihm hat er dort gelassen.
Was mich tief berührt hat: Er war früher selbst Sanitäter. Er kannte die Abläufe, die Mechanismen. Und doch – oder gerade deswegen – war die psychische Nachsorge für ihn eher ein weiteres Trauma. Therapien, die ihm nicht gutgetan haben. Psychologen, die ihn nicht wirklich gesehen haben. Erst seit Kurzem hat er jemanden gefunden, der ihm auf Augenhöhe begegnet. Eine Psychologin, die verletzlich und menschlich ist. Und das hat ihn zurück ins Vertrauen gebracht.
Warum ich das erzähle? Weil genau darin so viel Wahrheit steckt – und so viel von dem, was mich in meiner Arbeit bewegt. Es geht nicht um Massagen. Nicht um Techniken. Es geht um Begegnung.
Ob du einen Friseur besuchst, einen Arzt, ein Café oder eine Tantra-Masseurin – der Moment, in dem du wirklich spürst, dass jemand da ist, nicht nur als Dienstleister, sondern als Mensch, macht den Unterschied.
Ich habe das selbst erlebt, vor ein paar Tagen in Österreich. Ein Behördenbesuch, der mich wieder einmal daran erinnert hat, wie wenig wir oft gesehen werden. Verkäuferinnen, die lieber motzen als helfen. Menschen, die einander hastig und gestresst begegnen. Und ja – ich weiß, das Leben ist teuer geworden. Die Zeiten sind nicht leicht. Aber genau deshalb braucht es Menschen, die sich nicht verlieren im Funktionieren. Die bereit sind, innezuhalten, zu atmen, zu spüren.
Vielleicht liest du das gerade und arbeitest selbst im Verkauf, in einem Beruf mit Menschen. Vielleicht bist du Unternehmer, Coach oder einfach nur jemand, der täglich mit anderen zu tun hat. Dann bitte ich dich um eines: Schau hin. Höre zu. Lass den anderen sein. Berühre ihn – auch ohne Hände. Ein kleines Lächeln, ein ehrliches Interesse… Das ist oft mehr wert als alles andere.
Ich für meinen Teil trage meine Gäste tatsächlich auf Händen. Manchmal sogar so sehr, dass sie sich fast überfordert fühlen von so viel ehrlicher Gastfreundschaft. Ich bedanke mich dreimal, verbeuge mich, schenke meinen Gästen Zeit und Herz. Nicht, weil es Teil meines Marketings ist, sondern weil es Teil meines Menschseins ist.
Bei Mister X war es ein sanftes Ankommen. Zuerst Stille. Klang. Der warme Schutz einer Decke. Dann Berührung, ganz vorsichtig, ganz achtsam. Der Körper erinnert sich an das, was die Seele oft schon vergessen hat: Dass Nähe heilen kann. Dass Haut ein Gedächtnis hat. Dass Berührung nicht einfach nur Berühren ist.
Es wurde eine Massage voller Vertrauen, Loslassen, Spüren. Und wieder einmal hat mir diese Begegnung gezeigt: Genau dafür tue ich, was ich tue. Nicht, weil ich Liebe verschenken will. Sondern weil ich daran glaube, dass wir Menschen in dieser Welt nur dann wirklich gesund bleiben, wenn wir wieder lernen, in echter Verbindung zu leben. Mit uns. Mit anderen. Mit der Natur um uns.
Ein zufriedenes, gesundes Leben beginnt dort, wo wir aufhören, alles durch die Brille von Leistung, Zeitdruck und Hast zu sehen. Und anfangen, wirklich zu sein.
Danke, Mister X, für dein Vertrauen.
Und danke an alle, die mit mir diesen Weg teilen.




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