
Schikane Behördenalltag, tituliert als Prostituierte!
- Anja
- 1. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 4. Aug.
Zwischen Bürokratie, Verantwortung und dem Recht auf Würde
Ich bin Anja. Tantra-Masseurin. Unternehmerin. Ausgewandert, aber nicht abgemeldet vom Leben. Und schon gar nicht bereit, meine Stimme zu senken, wenn es um Gerechtigkeit geht.
Was ich hier schildere, ist keine Petition, keine Forderung im juristischen Sinn. Es ist ein Erfahrungsbericht. Ein Rückblick auf einen Tag, der beispielhaft zeigt, wie sehr System und Realität oft auseinanderklaffen. Es geht nicht um 60 €, nicht um 20 €. Es geht um Würde. Um Planungssicherheit. Und um die Art, wie man uns Frauen in körpernahen Berufen behandelt, oder eben nicht behandelt.
Ein gewöhnlicher Montag, ein routinierter Ablauf, bis das System versagt
Der 7. Juli. Mein Untersuchungstag in Linz, wie gesetzlich vorgeschrieben. Ich reise, wie immer, gut vorbereitet an. Aus Ungarn. Mit fix gebuchten Kliententerminen, straffer Organisation, Pünktlichkeit, einem klaren Zeitfenster.
Ein gewöhnlicher Montag, ein routinierter Ablauf, bis das System versagt
Was viele nicht wissen: Ich bin gesetzlich dazu verpflichtet, mich regelmäßig medizinischen Untersuchungen zu unterziehen nicht, weil ich sexuelle Dienstleistungen anbiete, sondern weil ich als körpernah arbeitende Frau formell unter das Prostitutionsgesetz falle. Das bedeutet: alle fünf Wochen ein vaginaler Abstrich, alle acht Wochen Blutabnahme, einmal jährlich ein TBC-Röntgen. Diese Auflagen gelten unabhängig davon, ob tatsächlich Geschlechtsverkehr angeboten wird oder nicht. Ich arbeite ausschließlich mit meinen Händen als "ausgebildete" Masseurin, doch das spielt im rechtlichen Rahmen keine Rolle.
Im Empfangsbereich der Behörde dann die knappe Info: Das TBC-Röntgengerät ist defekt. Keine Untersuchung heute. Stattdessen: „Gehen Sie in den Schillerpark, zahlen Sie’s selbst, oder kommen Sie halt nächste Woche nochmal.“
Ich frage, ob die Kosten ersetzt werden, schließlich wurden die Auflagen seitens der Behörde erhoben. Die Antwort: Nein. Man könne nichts dafür. Die Mitarbeiterin bleibt ungerührt. Für mich ist klar: Ich bin nicht nur Unternehmerin, ich bin offenbar auch Risikoträgerin für technische Pannen im System.
Was tun, wenn Zeit kein Spielraum ist?
Zur Erinnerung: Ich lebe in Ungarn. Ich bin nur für wenige, klar strukturierte Tage in Österreich, nicht zum Bummeln, sondern zum Arbeiten. Mein Online-Buchungssystem ist öffentlich einsehbar. Gäste planen im Voraus. Wer nicht erscheint, zahlt den Ausfall.
Ich selbst? Werde einfach heimgeschickt. Ohne Plan B. Ohne Rücksicht. Ohne Lösung. Also nehme ich das Taxi, lasse mich extern röntgen, zahle 80 €, weil ich sonst meine gesamte Woche verliere.
Und was hätte ich sonst tun sollen? Den Gästen absagen, weil ein Röntgengerät streikt? Ein paar Straßen weiter im Rathaus um eine Überweisung bitten? Als Auswärtige, ohne Auto, da ich mit dem Zug Anreise? Das ist praxisfern. Und im besten Fall naiv.
Unternehmerin ja, aber nicht systemisch anerkannt
Ich zahle Steuern und Versicherungen. Ich führe Buchhaltung. Ich habe einen Steuerberater. Ich erfülle alle unternehmerischen Pflichten, aber habe keinen Gewerbeschein. Warum? Weil meine Tätigkeit, körpernahe Therapie, Tantra-Massage, nach wie vor pauschal als Prostitution geführt wird.
Das bedeutet: Kein Zugang zum Großhandel. Keine Betriebsausgabenpauschale. Kein Schutzrahmen. Nur Kontrolle.
Würde ich einen offiziellen Gewerbeschein erhalten, wären solche Ausgaben deutlich günstiger, unternehmerisch elementar. Doch ich bin rechtlich nicht vorgesehen, nur verwaltet. Ich existiere nicht als Unternehmerin im System, aber ich funktioniere für das System. Jeden Monat. Seit über 20 Jahren!
„Prostituierte“ ein Begriff, der wie ein Stempel wirkt
In einer Rückmeldung der Behörde heißt es wörtlich, meine Tätigkeit erfolge „im Wesentlichen aus privatem Erwerbsinteresse“. Ich sei „Prostituierte“, hieß es sinngemäß, also liege die Verantwortung bei mir. Ein Hinweis, wie aus der Zeit gefallen. Diskriminierend. Verletzend. Und vor allem: falsch.
Ich arbeite mit Menschen, die Berührung als Teil von meinen Ausbildungen als Masseurin und Tantra Masseurin erfahren. Mit Frauen nach traumatas und sexueller Gewalterfahrungen. Mit Männern, die zum ersten Mal Berührung nicht mit Druck, sondern mit Vertrauen verbinden. Natürlich nicht ausschließlich, aber auch dieses Klientel gehört zu meinem Business. Ich bin keine Anbieterin von sexuellen Handlungen, wie z.b Handjob GV, OV und wie diese ganzen kürzeln noch tituliert werden! sondern Körpertherapeutin im ursprünglichen Sinn.
Das wissen meine Gäste. Das erkennt aber keine Behörde an.
Zwischen Resilienz, Humor und Ernst
Ich bin strukturiert. Ich hasse Verspätungen. Ich plane meine Tage effizient, auch deshalb, weil ich weiß: Das System tut es nicht für mich. Ich habe gelernt, mich auf mich zu verlassen. Und wenn’s nicht klappt, dann bleibe ich ruhig, atme tief durch, und sage: „Mit mir nicht.“
Ich habe keine Lust mehr, mich erklären zu müssen. Nicht jedes Mal. Nicht beim Einlassgerät in der BH, das piepst, wenn ich Schmuck trage. Nicht vor fremden Blicken im Wartebereich der Sanitätsabteilung. Nicht bei Krankenschwestern, die während der Abnahme von Blut sagen: „Schauen Sie weg, ich will nicht, dass man mir beim Arbeiten zuschaut.“
In Ungarn, bei meinem Privatarzt, bin ich einfach Patientin. Kundin. Mensch.
Was ich mir wünsche
Ich wünsche mir kein Mitleid. Ich wünsche mir funktionierende Strukturen. Ich wünsche mir Differenzierung, Respekt und einen realistischen Umgang mit Pflichtuntersuchungen. Ich wünsche mir, dass Menschen wie ich, Frauen in körpernahen Berufen, selbstständig, strukturiert, eigenverantwortlich selbstbestimmt und ordentlich arbeitend, nicht durch Systemversagen oder Bürokratie ausgebremst werden.
Am 11. August werde ich wieder zur Untersuchung erscheinen. Früh. Pünktlich. Und diesmal verlasse ich mich darauf, dass das System funktioniert. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Denn ich komme, um zu arbeiten!
Und das möchte ich in Ruhe tun. Mit Würde. Und mit der Professionalität, die ich meinen Gästen seit Jahrzehnten garantiere.
Zum Abschluss, ein paar persönliche Worte
Diesen Beitrag habe ich heute für euch verfasst, weil mir dieses Thema schon lange unter den Nägeln brennt. Es geht nicht um 60 € oder um eine Überweisung vom Magistrat, es geht um Haltung, Respekt und den Wunsch nach Differenzierung. Ich bin nicht hier, um zu kämpfen. Aber ich bin auch nicht bereit, mich dauerhaft einer Einordnung zu beugen, die weder meinem Beruf noch meiner Haltung gerecht wird.
Ich möchte an dieser Stelle höflich in Erinnerung rufen, dass es in Österreich für nahezu jede unternehmerische Tätigkeit eine klar geregelte Gewerbegruppe gibt. Die Wirtschaftskammer unterscheidet sehr wohl zwischen Einzelhandel, Gastronomie, Gesundheitsberufen, Dienstleistungen und vielen weiteren Sparten – jeweils mit präziser Zuordnung und Zulassungsvoraussetzungen. Niemand würde einem Juwelier erlauben, „einfach so“ ein Tattoo-Studio oder ein Nachtlokal zu eröffnen. Warum? Weil das zwei völlig verschiedene Tätigkeiten sind, mit unterschiedlichen Risiken, Anforderungen und rechtlichen Rahmenbedingungen.
Nur in meinem Bereich, der Körperarbeit und Tantramassage, scheint diese Differenzierung nicht vorgesehen zu sein. Wer sich nicht ausdrücklich als „Sexualdienstleisterin“ bezeichnen möchte, fällt in keine der vorhandenen Schubladen. Das Resultat: Ich habe keine Gewerbeberechtigung, obwohl ich nachweislich arbeite, Steuern zahle, einen Steuerberater beschäftige, Sozialversicherungsbeiträge leiste und Termine Monate im Voraus plane. Ich trage Verantwortung wie jede Unternehmerin, aber ohne die Rechte einer solchen zu genießen.
Mit einem klar definierten Gewerbeschein würde mir vieles leichter fallen: Ich investiere in professionelle Öle, hochwertige Ausstattung, Duschutensilien, Lichtkonzepte, Musik, Kaffee, all das gehört zu einem würdevollen Arbeitsrahmen, den ich selbstständig aufbaue. Aber diese Betriebsausgaben anerkennt man mir nur teilweise, weil ich formell kein Gewerbe führen darf. Eine absurde Grauzone, die längst reformiert gehört.
Wenn du das liest, dann vielleicht nicht nur als Gast, sondern auch als Mensch, der ein Stück weit versteht, wie viel Herz, Struktur und Verantwortung in dieser Arbeit steckt. Ich danke dir fürs Lesen. Und fürs Mitdenken.
Herzlich,
Anja
Liebe Anja gut dass du ausgewandert bist, ich denke da wo du jetzt lebst wirst du das mit einem breiten Lächeln bewundern wenn du in dein Rückzug diese Woche Sonntag fährst. Ich weiß ja dass du nicht länger als zwei drei Jahre noch in diesem Jobs tätig sein möchtest und dann viel mehr eine ganz andere Liga spielen wirst, unser System versagt nicht nur in dieser Sparte glaub mir die ganze Politik ist ein reines Desaster!!!
Ach, unser Gesetzgeber… der Meister der Prioritäten.
Alkohol? Zigaretten? Klar, tödlich👌steht sogar in Großbuchstaben drauf, aber legal, steuerlich top erfasst und in jedem Geschäft verfügbar. Ist ja schließlich „Eigenverantwortung“.
Eine professionelle Tantra-Massage bei einer ausgebildeten Fachkraft? Lebensbejahend, gesundheitsfördernd, und garantiert ohne Kater am nächsten Tag? Nein, um Himmels willen, das geht ja nicht! Könnte ja jemand glücklich und entspannt aus der Praxis rausgehen und wer weiß, wo das noch hinführt…
Ja, schwarze Schafe gibt’s auch hier. Aber mal ehrlich: Wer Anja seit Jahren kennt, weiß, dass sie nicht in der „Bück dich, wir machen irgendwas“ Liga spielt. Über 20 Jahre Erfahrung, konstante Preise, keine Rabatt-Schreierei und trotzdem behandelt, als würde sie irgendwo im Hinterhof arbeiten.
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Liebe Anja, ich danke dir von Herzen für deine Worte. Ich arbeite selbst als Erotikmasseurin in einem anderen Bundesland und kenne genau diese Problematik. Man wird pauschal in eine Schublade gesteckt, die weder der Vielfalt unserer Arbeit noch der Realität unserer Verantwortung gerecht wird. Auch ich zahle Steuern, mein Wohnsitz ist in Österreich und plane meine Termine. Sei gedankt meinem Privatleben, ich habe ebenfalls Familie, Mann und Kind mit Rahmenbedingungen, bin ich deswegen der Gesellschaft nicht würdig? Ich investiere in hochwertige Produkte und biete Menschen wie du einen sicheren, achtsamen Raum, aber was uns fehlt, ist Anerkennung auf Augenhöhe.
Was du hier ansprichst, betrifft so viele von uns. Und es tut gut, dass endlich jemand den Mut hat, öffentlich Klartext…
Als außenstehende Person mit Einblick in die berufliche Realität von selbstständig tätigen Frauen im Bereich der Körperarbeit empfinde ich den geschilderten Vorfall als symptomatisch für eine systematische Ungleichbehandlung. Wer seine Tätigkeit ordnungsgemäß anmeldet, steuerlich erfasst, Sozialabgaben leistet und gesetzliche Auflagen einhält, hat Anspruch auf funktionierende Strukturen, unabhängig von moralisch gefärbten Begriffszuschreibungen. Der Verweis auf eine pauschale Einordnung als 'Prostituierte' entbehrt jeder fachlichen Differenzierung und widerspricht dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit ebenso wie dem Gleichheitsgrundsatz gemäß Art. 7 B-VG. Ich danke Ihnen für Ihre sachliche und dennoch deutliche Schilderung und hoffe, dass dieser Erfahrungsbericht in den zuständigen Stellen die nötige Reflexion anstößt!